Viele Planungsbüros experimentieren mit ChatGPT oder allgemeinen Sprachmodellen, weil die Werkzeuge ohnehin verfügbar sind. Für allgemeine Textüberarbeitungen oder Formulierungshilfen funktioniert das hervorragend. Wenn es jedoch um technische Kennwerte, SIA-Leistungsphasen oder verbindliche Strassenquerschnitte geht, stösst ein allgemeines Chat-Modell an fundamentale Grenzen: Es generiert statistisch plausible Sätze, kann aber den privaten Projektordner nicht einsehen und keine rechtsgültigen Fundstellen belegen.
Standard-Sprachmodelle übersehen bei 300-seitigen Ausschreibungsdossiers systematisch Kriterien in der Dokumentmitte. Wenn ein Muss-Kriterium in Anhang 4 übersehen wird, führt das zum Ausschluss aus dem Verfahren nach BöB Art. 26.
Wird ein Standard-Chat gefragt, welche Fahrbahnbreite an einer städtischen Hauptverkehrsstrasse in Zürich gilt, liefert er innerhalb von Sekunden eine überzeugend klingende Zahl, flankiert von Verweisen auf «SIA» oder «VSS». In der Realität gilt jedoch eine spezifische kommunale Normalie des Tiefbauamts. Auf Seite 14 der gültigen Ausgabe 2022 befindet sich eine Tabelle, deren Wert vom gewählten Querschnitt abhängt. Ein Modell ohne Zugriff auf das konkrete Dokument rät und formuliert die Vermutung als Tatsache.
Systemvergleich: Standard-Chatbot vs. Spezialisierte Ingenieur-KI
| Anforderung | Standard-Chatbot (z.B. ChatGPT) | Spezialisierte Architektur (Leistera) |
|---|---|---|
| Zugriff auf Büroablage | Nur manueller Einzel-Upload | Direkte Graph API auf bestehende SharePoint-Ordner |
| Zitationsbeleg | Plausibler Text, oft ohne Seitenzahl | Dokument, Ausgabestand, Seitennummer & Absatz |
| Normenhierarchie | Mischung aus weltweitem Training | Deterministische Auflösung: Bund → Kanton → Gemeinde |
| CAD- & Planmasse | Ignoriert Vektor-Masslinien | Liest Bemaßungen direkt aus Vektor-CAD & PDF-Plänen |
| Offerten-Export | Unformatierter Textblock | Editierbare Word-Datei (.docx) im Bürolayout |
Wie allgemeine Sprachmodelle arbeiten und wo sie an Grenzen stossen
Grosse Sprachmodelle wurden auf öffentlich zugänglichen Internetquellen trainiert: Wikipedia, Fachforen, älteren Publikationen und allgemeinen Gesetzestexten. Sie berechnen das statistisch wahrscheinlichste nächste Wort auf Basis dieser Trainingsdaten. Sie öffnen jedoch nicht die Projektakten Ihres Büros, erkennen kein Wasserzeichen auf einem internen Entwurf und können nicht nachprüfen, ob eine Richtlinie durch eine neuere kantonale Verfügung abgelöst wurde.
Wird ein PDF manuell in ein Chat-Fenster hochgeladen, analysiert das Modell diese einzelne Datei isoliert. Es sieht nicht die dazugehörigen E-Mails der Vergabestelle, nicht die Vorbemerkungen im Devis und nicht die Planbeilagen, in denen massgebliche Massangaben gezeichnet sind. Wird das Modell nach einer Seitenzahl gefragt, erfindet es häufig eine plausible Ziffer, um den Prompt zu erfüllen.
Haftung im Schweizer Vergaberecht: Keine Zahl ohne Beleg
Wer eine Offerte für ein öffentliches Beschaffungsverfahren nach BöB/IVöB oder ein privates Bauprojekt einreicht, unterschreibt Zahlen und Leistungsversprechen. Die juristische Verantwortung und Haftung liegen ausnahmslos beim Planungsbüro. Eine fehlerhafte Normenangabe führt bei der formellen Vorprüfung zum Punkteabzug oder zum sofortigen Ausschluss.
Eine echte Fundstelle erfordert drei unteilbare Angaben: das genaue Dokument, den rechtskräftigen Ausgabestand und die Seitenzahl. Fehlt auch nur eines dieser drei Kriterien, handelt es sich nicht um einen Beleg. Eine ungefähre Schätzung («gemäss geltenden SIA-Normen») schützt das Büro im Streitfall nicht.
- Allgemeine Chatbots kennen Ihre Projektordner und SharePoint-Berechtigungen nicht.
- Statistische Sprachmodelle unterscheiden nicht zuverlässig zwischen Entwurf und gültiger Norm.
- Gezeichnete Massangaben in Plänen werden von reiner Text-KI nicht erfasst.
Zwei Werkzeuge für zwei unterschiedliche Aufgaben
Allgemeine Chat-Werkzeuge haben ihren festen Platz im Arbeitsalltag: Einen bestehenden Absatz kürzen, eine E-Mail formulieren oder eine Übersetzung prüfen. Das ist die redaktionelle Unterstützung.
Die Erstellung einer Honorarofferte an eine Behörde ist eine andere Aufgabe. Hier müssen Anforderungen aus dem Pflichtenheft lückenlos gegen bestehende Projektakten, SIA-Leistungsbeschriebe und verbindliche Normen abgeglichen werden. Leistera wurde als spezialisierte Schicht für diesen zweiten Prozess entwickelt: Lesend auf Ihren Ordnern, mit präzisen Quellenbelegen und vollständiger Freigabekontrolle im Büro.